Der deutsche Nachwuchsfußball bleibt trotz großer Voraussetzungen oft hinter seinen Möglichkeiten zurück. Zwischen gewachsenen Strukturen, Leistungsdruck und fehlendem Mut zur Veränderung stellt sich mehr denn je die Frage: Wie kann eine zeitgemäße Talentförderung wirklich gelingen? Wir sprechen mit Leo-Jonathan Teßmann und Gora Sen über genau diese Herausforderungen – und darüber, welche Denkweisen und Ansätze es braucht, um Ausbildung neu zu denken.
Mit ihrem neuen Buch „Denkfabrik Nachwuchsfußball“ liefern sie dazu frische Impulse, konkrete Tools und klare Perspektiven für die Praxis. Ein Gespräch über Entwicklung statt kurzfristigen Erfolg, die Rolle moderner Coaches und die Zukunft des Nachwuchsfußballs.
Denkfabrik Nachwuchsfußball

Leo-Jonathan Teßmann und Gora Sen zeigen, warum der deutsche Nachwuchsfußball hinter seinen Möglichkeiten bleibt – und liefern konkrete Ansätze für eine moderne, nachhaltige Ausbildung.
- 400 Seiten
- 6 Kapitel
FT24: Ihr sagt: „Der Fußball von morgen braucht heute den Mut zur Veränderung.“ – Wo fehlt dieser Mut aktuell am meisten?
Gora: Der Mut zur Veränderung fehlt in jeder Hinsicht, sowohl auf individueller als auch auf systemischer Ebene. Viele Verantwortliche wissen um notwendige Anpassungen in Ausbildung, Talentidentifikation oder Wettkampfformaten, dennoch wird im Alltag häufig am Bewährten festgehalten. Das liegt einerseits an der Tradition, die wir als einen von vier hemmenden Wirkmechanismen im deutschen Nachwuchsfußball betrachten.
Andererseits werden aus Gründen der individuellen Abhängigkeit vom System und aus Sorge vor Konsequenzen im leistungsorientierten und konkurrierenden Umfeld Entscheidungen getroffen, die nicht zum Wohle der Kinder sind.
Leo: Wir leben in einer Zeit, in der es nicht mehr an Wissen mangelt. Während man vor 30 Jahren noch (teilweise exklusiven) Zugang zu Bibliotheken und teuren Büchern benötigte, kann heute jeder über Google, Online- Kurse oder ChatGPT innerhalb weniger Monate Expertenwissen erwerben. Oder zumindest so tun, als hätte man welches. Das große Problem liegt derzeit darin, das Wissen auch in Können zu übersetzen und es mit einer konsequenten Haltung zu vertreten.
Veränderung kann bedeuten, negative kurzfristige Ergebnisse zugunsten langfristiger Entwicklung in Kauf zu nehmen. Dazu sind viele aus den oben genannten Gründen nicht bereit. Unser Buch ist daher nicht nur ein weiteres Informationstool, sondern soll in erster Linie eine Quelle der Inspiration sein. Denn das ist das, was viele Menschen im System benötigen: Weniger Information, mehr Inspiration!

FT24: Trotz hervorragender Infrastruktur bleibt der ganz große Durchbruch im Nachwuchsbereich aus. Wo liegt eurer Meinung nach das Kernproblem?
Gora: Ihr spielt auf eine der wichtigsten Arbeitsthesen unserer ersten Auflage von 2022 an: „Knapp 83 Millionen Einwohner, die weltweit beste Fußballinfrastruktur und trotzdem hängen in deutschen Kinderzimmern überwiegend Poster und Trikots von Spielern aus anderen Fußballkulturen”. Der zweite Teil der These stimmt immer noch, jedoch müssen wir uns bezüglich der Fußballinfrastruktur korrigieren. Hier haben uns andere Nationen inzwischen auch überholt.
Die Schere zwischen Breite und Spitze ist so groß wie nie, wir haben keine funktionierenden Wettbewerbsstrukturen im Aufbaubereich (U12-U16), unsere höchsten Trainerlizenzen sind nur noch für Eliten zugänglich und auch hinsichtlich der akademischen Anbindung sind uns andere Länder weit voraus. Nicht zuletzt vergeuden wir jedes Jahr riesiges Potenzial in der Winterzeit, weil wir es nicht schaffen, Futsal im regulären Spielbetrieb zu etablieren.
FT24: Ihr fordert eine Abkehr vom klassischen Trainerbild hin zum „Coach“. Was unterscheidet beides konkret im Alltag?
Leo: Während international die Rede vom „Headcoach“ ist, bezeichnen wir in Deutschland den Hauptverantwortlichen einer Mannschaft als „Cheftrainer“ oder „Übungsleiter“. Das spiegelt das Anforderungsprofil, das wir an unsere Trainer stellen, eigentlich ganz gut wider. Wir erwarten ein hohes Maß an Fachwissen und haben uns in der Vergangenheit in den Trainerausbildungen fast nur damit beschäftigt. Dabei besteht das Trainersein nicht nur aus der Sach- und Fachfunktion, sondern wird maßgeblich beeinflusst von der Beziehungsebene.
Ein „Coach“ versteht sich im wörtlichen Sinne stärker als Lernbegleiter. Im Alltag bedeutet das, Trainingsprozesse so zu gestalten, dass Spieler eigene Lösungen entwickeln, Verantwortung übernehmen und Spielsituationen eigenständig interpretieren. Während der Trainer primär steuert, moderiert der Coach Entwicklungsprozesse und schafft Räume, in denen Lernen stattfinden kann – und fühlt sich damit auch stärker verantwortlich für alles, was neben dem Platz passiert.
FT24: Warum brauchen wir eine einheitliche Fußballsprache – und was passiert, wenn wir sie nicht haben?
Leo: Fußballspieler auszubilden, bedeutet, Fußballspielern Fußballwissen zu vermitteln. Für maximale Erfolge in diesem Vermittlungsprozess sollten Missverständnisse auf ein Minimum reduziert werden. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollten alle Trainer, Wissenschaftler und Spezialisten, die im Fußball tätig sind, eine einheitliche Fußballsprache sprechen, die auf den objektiven Gesetzmäßigkeiten des Spiels beruht. Sie ist letztlich die Grundlage für Kontinuität in der Ausbildung.
Mit ihr entsteht ein roter Faden, der den Spielern Orientierung gibt und den Trainern die Zusammenarbeit erleichtert. Wenn wir sie nicht haben, d.h. Begriffe, Prinzipien und Zielbilder unterschiedlich interpretiert werden, dann entstehen Reibungsverluste zwischen Altersstufen, Trainern und Standorten – was sich am Ende des Tages negativ auf die Qualität unserer Spieler auswirkt.
Trotzdem fehlt es – so wie ich das beobachte – vielen Leistungszentren noch an einer eigenen Vision und an dem Mut, die Dinge anders anzugehen. Als Positivbeispiel hervorzuheben ist der FC St. Pauli mit seiner „Rebellution“.
Leo-Jonathan Teßmann
FT24: Was müsste sich in Leistungszentren sofort ändern?
Gora: Wir sollten in unseren Leistungszentren noch konsequenter zwischen der aktuellen Leistungsfähigkeit und dem langfristigem Entwicklungspotenzial unterscheiden. Zu häufig orientieren sich die Bewertungen noch zu stark am momentanen Leistungsstand. Eine stärkere Individualisierung gekoppelt an eine differenziertere Betrachtung von Reifeprozessen könnte hier unmittelbar ansetzen.
Zudem sollte die kontinuierliche Weiterbildung der Trainer einen noch höheren Stellenwert einnehmen, da sie entscheidend für die Qualität der täglichen Arbeit ist. Dies gilt nicht nur für die eigenen Trainer: Ich sehe Leistungszentren auch in der Verantwortung, den Fußball an der Basis weiterzuentwickeln – in den Amateurvereinen und an den Schulen.
Leo: Die Frage ist pauschal kaum zu beantworten. Was ich an dieser Stelle jedoch für angebracht halte, ist die Leistungszentren dazu zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Zeiten von Zertifizierung und starrer Standards sind glücklicherweise vorbei. Trotzdem fehlt es – so wie ich das beobachte – vielen Leistungszentren noch an einer eigenen Vision und an dem Mut, die Dinge anders anzugehen. Als Positivbeispiel hervorzuheben ist der FC St. Pauli mit seiner „Rebellution“. Dabei spielt es keine Rolle, ob man mit allem einverstanden ist, was sie dort machen. Doch die Konsequenz, mit der sie bei sich in der Region für einen anderen Jugendfußball sorgen wollen, ist lobenswert.

FT24: Ihr sprecht von konkreten Tools – was kann ein Jugendtrainer morgen im Training anders machen?
Gora: Ein zentraler Ansatzpunkt liegt in einer noch konsequenteren Spielorientierung des Trainings. Wir sagen in unserer Denkfabrik immer: Das Spiel ist unser Lehrmeister, Freiheit der Treibstoff. Der Constraints- Led Approach (CLA) bietet für diesen Ansatz einen praktikablen methodischen Rahmen. Anstatt Lösungen vorzugeben, gestaltet der Coach gezielt Rahmenbedingungen wie Raumgröße, Spieleranzahl, Aufgabenstellung und Regelwerk, sodass gewünschte Verhaltensweisen aus der Spielsituation heraus entstehen. Lernen erfolgt dadurch nachhaltiger, weil die Einprägtiefe eine ganz andere ist, wenn Spieler eigenständig Lösungen entwickeln.
FT24: Ihr habt beide sehr unterschiedliche Stationen erlebt – Leistungszentrum, Schule, Verband. Welche Erfahrung hat eure heutige Haltung zur Talentförderung am stärksten geprägt?
Leo: Am stärksten geprägt haben mich meine zwölf Jahre als Spieler in den Leistungszentren von Hertha BSC und Hansa Rostock – im positiven wie im negativen Sinne. Diese eigenen Erfahrungen waren letztlich meine Motivation, mich intensiver mit Talentförderung auseinanderzusetzen und bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen. Ich bin überzeugt davon, dass der Nachwuchsfußball enormes Potenzial hat, junge Menschen nicht nur sportlich, sondern auch persönlich nachhaltig positiv zu prägen. Dass wir beides erreichen, kommt leider noch zu selten vor.
Gora: Leo und mich einte schon zu Beginn unserer Zusammenarbeit die Unzufriedenheit über den damaligen Zustand unseres Jugendfußballs. Daran hat sich auch heute – knapp 6 Jahre später – nur wenig geändert. Ich habe im Laufe meiner 35 Jahre im Jugendfußball festgestellt, dass egal in welcher Institution des Verbundsystems man arbeitet, folgendes gilt: Wenn Freiheit nicht den entsprechenden Stellenwert bekommt, leidet die Entwicklung der Kinder darunter.

FT24: Ihr habt in der Denkfabrik mit zahlreichen renommierten Persönlichkeiten aus dem Nachwuchs und Profifußball intensiv zusammengearbeitet und unterschiedlichste Perspektiven zusammengebracht. Gab es in diesem Austausch einen Moment, in dem ihr eure eigene Überzeugung grundlegend hinterfragen oder sogar revidieren musstet?
Leo: Auf jeden Fall. In einem so offenen Meinungsraum merkt man fast zwangsläufig, dass erfolgreiche Talentförderung unterschiedliche Wege kennen kann. Man akzeptiert schnell, dass es kein universelles Modell gibt, das unabhängig vom Kontext funktioniert. Diese Erkenntnis hat unsere eigene Position nicht grundsätzlich verändert, aber durchaus differenziert – was dem Buch definitiv zugute kam.
FT24: Welche Rolle spielen Eltern im Entwicklungsprozess – Förderer oder Risikofaktor?
Gora: Wenn man vor 10 bis 15 Jahren Jugendtrainer nach den Eltern ihrer Spieler gefragt hätte, hätten die meisten sie wohl als den lästigsten Part ihres Jobs bezeichnet. Am liebsten wäre ihnen gewesen, sie hielten sich aus allem heraus. Sie in die Talentförderung miteinzubeziehen, wäre damals nahezu undenkbar gewesen. Inzwischen hat sich das Blatt ein wenig gewendet. Im Umgang mit den Eltern vollzieht sich gerade spürbar ein Paradigmenwechsel.
Leo: Zurecht. Eltern sind ein zentraler Bestandteil des Entwicklungsumfelds und eine nicht zu unterschätzende Talentressource. Sie können Stabilität, Rückhalt und Motivation geben, aber natürlich auch durch überhöhte Erwartungen zusätzlichen Druck erzeugen und die eh schon ausbaufähige Atmosphäre weiter verschlechtern. Entscheidend ist eine transparente Kommunikation zwischen Verein, Trainer und Eltern. Die Rollen müssen eindeutig definiert sein und Grenzen klar abgesteckt werden. Dann können und sollen Eltern wichtige Förderer sein.

FT24: Wie kann man Erwartungsdruck reduzieren, ohne Ambition zu verlieren?
Leo: Es braucht eine andere Definition von Erfolg. Fußball ist ein komplexes Spiel, in dem Sieg und Nieder – lage immer nur die oberflächlichste Dimension von Erfolg darstellen. Der Ausgang des Spiels ist deswegen eine oberflächliche Betrachtungsweise, weil keiner von uns weiß, wie man gewinnt. Kein Coach dieser Welt hat je ein Patentrezept für Erfolg im Sinne des Gewinnens von Spielen entwickeln können. Auf Sieg und Niederlage haben wir nicht immer so viel Einfluss, wie wir denken. Aber wir haben großen Einfluss darauf, ob wir erfolgreich sind.
Gora: Erfolgreich ist man, wenn man aus jeder Situation mit all den zur Verfügung stehenden Ressourcen das Maximale herausholt. Man kann also erfolgreich gewesen sein, ohne das Spiel gewonnen zu haben. Genauso haben schon alle Coaches Spiele erlebt, in denen ihre Mannschaft gewonnen hat, aber nicht erfolgreich war.
Das waren vermutlich Spiele gegen deutlich untalentiertere Gegner, in denen ihre Spieler nicht ihr volles Leistungspotenzial ausschöpfen konnten. Einerseits ist es wichtig, auch im Nachwuchsfußball Ergebnisse als das anzuerkennen, was sie sind – die Währung des Spiels. Andererseits wäre es dilettantisch, Erfolg nur auf die Ebene der Ergebnisse zu reduzieren.
Leo: Das ultimative Ziel, ein Spiel zu bestreiten, um es zu gewinnen, bleibt natürlich bestehen. Der Aufmerksamkeitsfokus sollte allerdings vom kurzfristigen Ziel (Spiel gewinnen) auf den eigenen Einflussbereich (erfolgreich sein) und das Metaspiel (Spieler ausbilden) verlagert werden.
FT24: Wenn ihr 2035 zurückblickt – woran würdet ihr erkennen, dass sich der Nachwuchsfußball positiv entwickelt hat?
Gora: Eine positive Entwicklung würden wir daran erkennen, dass Ausbildung wieder klar vor kurzfristigem Erfolg steht und Entscheidungen konsequent aus einer langfristigen Perspektive getroffen werden. Wenn Spieler individueller begleitet und weniger stark am momentanen Leistungsstand gemessen werden, wäre das ein deutlicher Fortschritt. Ein weiteres klares Zeichen wäre, dass Fußballer wieder als umfassende Sportler wahrgenommen werden – mit vielseitigen motorischen Fähig- und Fertigkeiten.
Wenn Fußballspieler körperlich und bewegungstechnisch wieder „alles können“, wäre das nämlich ein Hinweis darauf, dass die Ausbildung ganzheitlicher gedacht wird und keine frühe Fußballspezialisierung mehr stattfindet.
FT24: Wir bedanken uns bei Leo-Jonathan Teßmann und Gora Sen für das ausführliche Interview. Das Buch „Denkfabrik Nachwuchsfußball“ ist ab sofort im IFJ96 Shop erhältlich. Außerdem lohnt sich ein Blick in den begleitenden Videopodcast zur Denkfabrik Nachwuchsfußball, in dem weitere Perspektiven und Gespräche aus dem Projekt zu sehen sind.
Denkfabrik Nachwuchsfußball

Leo-Jonathan Teßmann und Gora Sen zeigen, warum der deutsche Nachwuchsfußball hinter seinen Möglichkeiten bleibt – und liefern konkrete Ansätze für eine moderne, nachhaltige Ausbildung.
- 400 Seiten
- 6 Kapitel



