Viele Spieler wissen, dass der Kopf über Leistung entscheidet – aber nur die wenigsten wissen, wie sie ihn gezielt trainieren können. Genau hier setzt Mentalcoaching an: nicht als „Notlösung bei Problemen“, sondern als entscheidender Hebel für Entwicklung, Konstanz und Selbstvertrauen.
In diesem Interview sprechen wir mit Mentalcoach Mischa Sarlette, der selbst einen ungewöhnlichen Weg hinter sich hat – vom Kriminalpolizisten auf den Fußballplatz. Er erklärt, warum so viele Spieler ihre Energie auf die falschen Dinge richten, wie man mit Druck, Fehlern und Erwartungen umgeht und weshalb mentale Stärke kein Talent, sondern trainierbar ist.

Vom Kriminalpolizisten zum Mentalcoach im Fußball – wie ist dieser ungewöhnliche Weg entstanden?
Ganz konkret war es so, dass ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Polizist eine Coaching-Ausbildung machen durfte, um Kollegen und Kolleginnen mental zu unterstützen. Diese Unterstützung hat mir unglaublich gut gefallen, und ich glaube sagen zu können, dass ich auch ein gewisses „Händchen“ dafür hatte. Irgendwann bekam ich dann die ersten privaten Anfragen, sodass ich das Coaching zuerst nebenberuflich gestartet habe. Nachdem ich dann eine Ausbildung als Fußball-Mentalcoach absolviert hatte, habe ich die Polizei verlassen und bin mittlerweile in Vollzeit als Mentalcoach tätig.
Du warst selbst Fußballer: Welche mentalen Fehler hast du damals gemacht, und was würdest du heute anders machen?
Ich muss zugeben, dass ich nur auf höherem Amateurniveau gespielt habe und in meinem Heimatverein meine „Karriere“ auch schon mit 30 Jahren als Kapitän beendet habe. Ich kann mich jedoch noch gut an meine Anfangszeit im Erwachsenenfußball erinnern. Zu Beginn war der Trainer schuld, der mir keine Spielzeit gab. Als ich später dann einen Stammplatz hatte, war es der Gegner, der mich mit einer falschen Bemerkung sofort aus dem Konzept brachte.
Am Ende war es der Schiedsrichter, der meiner Meinung nach an vielem schuld war. Der Trainer, der Gegner und der Schiedsrichter… all das sind Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Mein Fehler war es, dass ich mich viel zu sehr auf Dinge fokussiert habe, die ich nicht kontrollieren konnte. Der Trainer, der Gegner, der Schiedsrichter: An diese Dinge habe ich viel zu viel Energie verschwendet.
Warum wird Mentaltraining im Fußball deiner Meinung nach noch immer unterschätzt?
Ich würde gar nicht sagen, dass das Thema Mentaltraining unterschätzt wird. Ich bin sogar davon überzeugt, dass fast alle Spieler und Spielerinnen wissen, wie wichtig der Kopf ist. Ob jedoch alle Fußballerinnen und Fußballer wissen, wie man seinen Kopf trainiert, bezweifle ich. Und da versuche ich (wie auch die vielen anderen Coaches, Sportpsychologen etc.) durch Aufklärungsarbeit zu vermitteln, dass man den „Kopf“ trainieren kann.
Zum anderen ist es aber leider noch immer so, dass viele Menschen aus dem Fußballkontext Mentaltraining oder Mentalcoaching mit „Problemen“ verbinden. Wobei dies völliger Blödsinn ist: Wenn jemand seine Technik, seine Ausdauer oder seine Athletik trainiert, heißt das ja auch nicht, dass er in diesen Bereichen Probleme haben muss. Nein, es heißt, dass jemand sich verbessern möchte; und solange dieser Irrglaube besteht, befürchten Spieler und Spielerinnen leider noch immer, dass sie irgendwelche Konsequenzen zu fürchten haben.
Wenn das Stresslevel zu hoch wird, schaltet der Körper in eine Art Notfallmodus. Entscheidungen werden langsamer, die Wahrnehmung verändert sich – und genau das sieht man dann auf dem Platz. Die Leistung bricht ein. Die gute Nachricht: Genau daran kann man gezielt arbeiten.
Mischa Sarlette
Ich gebe da ein konkretes Beispiel: Wenn der Spieler Peter mit einem Mentalcoach arbeitet, könnte er befürchten, dass sein Trainer denkt: „Der Peter hat mentale Probleme, dann lasse ich ihn besser nicht spielen.“ Und solange dieser Spieler diese Konsequenz befürchtet (und sie muss ja nicht einmal eintreten), werden weiterhin viele Fußballer keinen Mentalcoach aufsuchen (oder nur so, dass es niemand mitbekommt). Da liegt meiner Meinung nach ein riesiges, verschenktes Potenzial.
Social Media, öffentliche Kritik und die ständige Beobachtung: Wie verändert das die mentale Entwicklung junger Fußballer?
Ich glaube, da kann man über zwei Themen sprechen: zum einen die eigene Nutzung von Social Media, zum anderen die permanente Bewertung durch andere. Die Welt ändert sich und wird immer schneller: schnellere Infos, schnellerer Dopamin-Kick in Form von Social Media. Schnellere Möglichkeiten für die Option B; und ich sage, dass nicht nur die jungen Fußballer darunter leiden, sondern auch die anderen Generationen. Wenn ich sehe, wie viel Zeit ich persönlich an meinem Handy verbringe, und ich teilweise Schwierigkeiten habe, diese Handynutzung zu reduzieren – wie soll ich es dann von einem 17-Jährigen verlangen können, der seine ganze Kindheit und Jugend damit aufgewachsen ist?
Das Thema ist natürlich auch in meinen Coachings immer wieder präsent. Bezüglich der permanenten Bewertung von außen gibt es meiner Meinung nach zwei wichtige Lösungsansätze. Zum einen ist es unglaublich wichtig, sich immer wieder die Frage zu stellen: „Was kann ich kontrollieren und was eben nicht?“ Und da gehören Kommentare und Kritik von außen natürlich zu den Dingen, die ich nicht selbst kontrollieren kann.
Also gilt es, so wenig wie möglich von der eigenen Energie in diese Dinge zu investieren. Zum anderen gilt es, sich unbedingt früh genug die Frage zu stellen: „Wer bin ich eigentlich ohne den Fußball?“ Denn genau da liegt die Falle für viele Fußballer, die sich wirklich nur als „Fußballer“ identifizieren. Spätestens beim Karriereende wird diese Frage aufkommen; je früher ich mir diese Frage stelle, desto weniger tief werde ich beim Karriereende oder bei einer schweren Verletzung fallen.
Welche mentalen Probleme siehst du bei jungen Spielern am häufigsten?
Ehrlich gesagt kann ich das nur schwer verallgemeinern; bei Jugendspielern im U19-Bereich sind die Themen sehr oft ähnlich: Bekomme ich genügend Spielzeit? Wenn ich nicht spiele, wie kann ich mich dann zeigen? Warum darf der Mitspieler zu den Profis und ich nicht? Erhalte ich einen Vertrag? Und so weiter. Und immer wieder kommen wir auf dieselbe Frage zurück, die sich jeder Fußballer stellen sollte: Was kann ich kontrollieren? Und wofür möchte ich meine Energie nutzen, die mir zur Verfügung steht?
Woher kommt die Angst vor Fehlern bei Jugendspielern – und warum ist das gerade im Fußball so groß?
Grundsätzlich muss man wissen, dass die Angst, Fehler zu machen, etwas total Natürliches ist und ihren Ursprung tausende von Jahren in der Vergangenheit hat. Unser Steinzeit-Gehirn (das wir heute noch immer haben) versucht permanent, uns davor zu bewahren, einen Fehler zu begehen. Vor tausenden von Jahren war ein Fehler nämlich meistens mit dem eigenen Tod verknüpft.
Schauen wir uns den Neandertaler an: Wenn er sich verletzte, sanken seine Überlebenschancen sofort drastisch. Machte er etwas, was dem Rest der Gruppe nicht gefiel, wurde er von der Gruppe verstoßen, und seine Überlebenschancen wurden geringer. Verlor er einen Kampf gegen ein Tier oder einen Konkurrenten, so endete das auch oft tödlich. Und genau deshalb verbindet unser Gehirn Fehler mit etwas Bedrohlichem. Und diese alten Verknüpfungen gilt es erst einmal zu verstehen und nach und nach aufzulösen. Vermutlich ist genau das im Fußball bei Jugendspielern so ein großes Thema, weil der Sport so unglaublich populär ist, wir permanent mit den besten Spielern der Welt konfrontiert werden und unbewusst durch Kinder, Trainer, Verantwortliche oder Eltern ein Vergleich stattfindet.
Da gilt es halt zu sensibilisieren: Fußball ist ein Fehlersport; niemand braucht Fehler, aber sie passieren. Und unser aller Job ist es, die Jugendspieler zu ermutigen, weiterzumachen.

Warum verlieren viele Spieler unter Druck plötzlich ihre Leistung?
Druck erzeugt ein gewisses Stresslevel; ein gewisses Level an Stress ist wichtig, damit der Körper es auch schafft, sein Potenzial abzurufen. Wenn dieses Stresslevel zu hoch wird, kann es jedoch vorkommen, dass der Körper in ein gewisses Notfallsystem schaltet, sodass verschiedene Körperfunktionen heruntergefahren werden. Und genau das sieht man dann auch immer wieder auf dem Platz. Entscheidungen werden nicht so schnell getroffen, die Wahrnehmung ändert sich, usw… All das kann dazu führen, dass die Leistung am Ende verloren geht. Das schöne ist jedoch: Genau daran kann man extrem gut arbeiten!
Woran erkennt man einen mental starken Fußballer auf dem Platz?
Ich persönlich würde behaupten: anhand seiner Reaktion nach einer schwierigen Situation, beispielsweise nach einem verschossenen Elfmeter oder nach einer vergebenen Torchance. Nach einem Fehler (was auch immer man als Fehler bezeichnen will), wenn ein Spieler auf der Bank sitzt usw. Das soll nicht heißen, dass jemand mit diesen Situationen glücklich sein muss. Aber wenn ein Fußballer es schafft, diese Situation schnell abzuhaken und trotz dieser Rückschläge sein Potenzial abzurufen, dann ist er meiner Meinung nach mental stark. Wobei man da auch nicht immer in die Köpfe der Spieler schauen kann.
Fußball wird mit dem Kopf gespielt. Deine Füße sind nur die Werkzeuge.
Andre Pirlo
Welche Rolle spielen Trainer und Eltern für das Selbstvertrauen junger Spieler – und was machen sie oft falsch?
Natürlich eine riesige Rolle; vermutlich ist nicht jedem Trainer bewusst, welche wichtige Rolle er in der menschlichen Entwicklung eines Spielers und vor allem eines jungen Menschen einnimmt. Ich glaube, dass Trainer und Eltern schon verdammt viel richtig machen und viel zu oft von den „schlechten Eltern“ gesprochen wird. Allein die Tatsache, dass die Kinder überhaupt an den Trainingseinheiten und Spielen teilnehmen, ist ja oft mit einem riesigen organisatorischen Aufwand für die Familien verbunden.
Das darf man als Verein natürlich nie vergessen; wenn Eltern es schaffen würden, den Kindern mehr Fragen zu stellen und noch mehr auf die Meinung der Kinder zu hören, wäre das ein riesiger Schritt. Ich nehme das Beispiel einer typischen Rückfahrt nach einem Fußballspiel: Wie oft kommt es da nicht vor, dass sofort das Spiel analysiert wird? Aber möchte dieser junge Spieler überhaupt eine Analyse?
Wieso stellt man nicht die Frage: „Möchtest du über das Spiel reden?“ Und sucht daraufhin, auf Basis dieser Antwort, das Gespräch; das Gleiche gilt bei der Begleitung während eines Spiels. Wieso fragt man das Kind nicht: „Wie kann ich dich während des Spiels am besten unterstützen?“ Erst dann weiß man, was das Kind wirklich möchte und was es von einem Elternteil braucht.
Viele Trainer coachen permanent von außen – hilft das überhaupt oder hemmt es die mentale Entwicklung?
Es hängt natürlich von der Situation ab; grundsätzlich bin ich ein Freund der Devise: „Weniger ist mehr.“ Aber natürlich brauchen die Spieler auch einen Rahmen und einen Impuls von außen. Das hängt allerdings auch stark davon ab, in welcher Entwicklungsphase sich der Spieler befindet. Grundsätzlich gebe ich bei Spielern in der Ausbildungsphase (ich würde schätzen bis etwa zur U14) den Rat, dass man nie den ballführenden Spieler coachen sollte.
Der Spieler, der den Ball hat, hat schon genügend damit zu tun, den Ball unter Kontrolle zu halten und selbst Entscheidungen zu treffen. Schließlich soll der Spieler lernen, selbst Entscheidungen zu treffen, und dementsprechend seine eigenen Erfahrungen sammeln. Den Ball führen, eine Entscheidung suchen, dem Trainer zuhören, die Entscheidung des Trainers abwägen – all das ist viel zu viel. Nach der Aktion kann dieser Spieler natürlich gecoacht werden.
Was würdest du einem jungen Spieler sagen, der oft nervös ist und Angst vor Fehlern hat?
Ganz einfach: „Hat dein Idol schon einmal einen Fehler gemacht?“ Die Antwort ist dann meistens „Ja“. Dann folgt der Zusatz: „Wenn dein Idol Fehler macht, dann darfst du auch Fehler machen.“
Was können Trainer und Vereine konkret tun, um die mentale Stabilität ihrer Spieler systematisch zu fördern?
Wichtig ist, alle Akteure in gewisser Form mit einzubeziehen und ein Umfeld zu schaffen, das Fehler erlaubt. Jedes Zahnrad ist wichtig: seien es Trainer, Eltern, Verantwortliche usw.; ich habe das Gefühl, dass auch in den verschiedenen Ausbildungen immer mehr Wert auf den mentalen Aspekt gelegt wird. Meiner Meinung nach sind die Trainer der größte Hebel bzw. das größte Zahnrad in diesem ganzen Geflecht. Daher würde ich bei den Trainern anfangen, sie noch weiter für das Thema zu sensibilisieren, aufzuklären und auch konkret in Weiterbildungen und Workshops zu investieren.
Wir bedanken uns herzlich für das interessante Gespräch, wer mehr über Mischa Sarlette und seine Arbeit wissen möchte, dem empfehlen wir einen Blick auf seine Webseite https://www.mischa.coach/


